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Philharmonie
Berlin / Kammermusiksaal: Camerata vocale Berlin 3.4.2011
Werke von J. Haydn und G. F. Händel
1985 gegründet, gehört die Camerata vocale Berlin seit
langem schon zu den wichtigsten Laienchören Berlins. Die kontinuierliche
Arbeit zahlt sich dort aus. Die Gründerin und Leiterin Etta Hilsberg ist auch
gleichzeitig Geschäftsführerin, und es hat durchaus etwas Familiäres, wenn am
vorderen Rand der Bühne drei Körbe mit Blumen stehen, die dann am Schluss an
alle Chormitglieder verteilt werden. Das Erkennungsmerkmal des Chores: Die
Frauen treten im knallroten Gewand auf. Das zeugt von Selbstbewusstsein, und
das kann man sich auch leisten.
Einer der besten Laienchöre Berlins
Seit Jahren bietet die Camerata vocale ihrem Publikum Qualität. Dabei
arbeitet Etta Hilsberg mit eisernem Willen an der Weiterentwicklung und
Vervollkommnung des Chores – bis hin zu Extraschichten mit Stimmbildung in
kleinen Gruppen. Es hat auch eine deutliche Verjüngung des Chores
stattgefunden; bei wenigen Chören sieht man so viele junge Gesichter, und
nicht erst nach dem jüngsten Konzert darf man hier von einem der besten
Laienchöre Berlins sprechen.
Ein wichtiger Aspekt ist die kluge Programmauswahl. Alles, was angeboten
wird, ist für gute Laienchöre zu bewältigen. Dabei gibt es eine gute Mischung
aus den oratorischen Standardwerken (nächstes Konzert: die Schöpfung
von Haydn) und seltener zu hörenden Werken. Dazu zählt auch Joseph Haydns Mariazellermesse,
die in letzter Zeit kaum noch im Konzert zu erleben war. Von Anfang an ist
die Detailarbeit zu spüren. Es stimmt in der Intonation, sogar weitgehend in
den Spitzentönen; hier wird bis ins Kleinste gemeinsam gestaltet.
Tenöre und Bässe gesucht
Etta Hilsberg überlässt nichts dem Zufall, dirigiert Strukturen und Gesten
deutlich vor. Am Beginn dominierte noch ein wenig Behutsamkeit; da wurde
piano mit Vorsicht und Ängstlichkeit verwechselt. Aber nach und nach wuchs
die dynamische Bandbreite; das Klangvolumen nahm zu, und trotzdem blieb alles
gut durchhörbar, auch in polyphonen Passagen. Zunächst wirkten auch Tenöre
und Bässe, ohnehin zahlenmäßig unterlegen (laut Programmheft hat man noch
Bedarf), etwas dünn, aber auch hier gewann es an Substanz und Kraft. Man
nimmt sicher nicht jeden Bewerber auf, das wurde deutlich.
Ähnlich gut gearbeitet waren Georg Friedrich Händels Coronation Anthems.
Zunächst noch etwas brav und wie mit angezogener Handbremse, sangen sich die
Choristen rasch frei und kombinierten die notwendige Feierlichkeit mit
wunderbar langgezogenen Linien, dabei jedoch schlank im Klang. Man merkt,
dass auch hier die Errungenschaften der historisch informierten
Aufführungspraxis nicht spurlos am Chor vorbei gegangen sind. Das alles hatte
Qualität.
Vom Deutschen Kammerorchester engagiert begleitet
Seit kurzem arbeitet die Camerata vocale regelmäßig mit dem Deutschen
Kammerorchester Berlin zusammen. Eine gute Entscheidung: Hier spielt kein
Orchester, dass bei Chorbegleitung mit halber Energie als Pflichtübung
auftritt, wie man es leider immer wieder erleben muss. Die Musiker sind engagierte
Partner; man ist sich einig im schlanken Klang, spielt auch gerne präzise
nach vorn und ist angenehm zurückhaltend mit Streichvibrato.
Zusammen mit dem vorzüglichen Organisten Heiko Holtmeier – gleichzeitig
Korrepetitor bei der Camerata vocale – gab es noch ein frühes Orgelkonzert
von Haydn in mehr als ordentlicher Aufführung. Leider ist dieses Werk nicht
gerade die stärkste Erfindung des Komponisten. Macht nichts: Nach diesem
gelungenen Konzert können alle Beteiligten mit ihrer Arbeit vollauf zufrieden
sein.
Andreas Göbel, kulturradio
Bewertung: 
Unser "K"
zeigt Ihnen die Einschätzung unserer Kulturradio-Rezensenten:
großartig
zwiespältig
gelungen
misslungen
annehmbar
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Tagesspiegel
Berlin, 25.05.2010 von Isabel Herzfeld
Stimmt so: das Jubiläumskonzert der Camerata Vocale
Verdienst der Camerata vocale Berlin ist der Einsatz für
wenig Bekanntes: Werken der Barockmeister Graun und Hasse, Puccinis „Messa di
Gloria“ oder auch dem Weihnachtsoratorium von Saint-Saëns verhalf der
Laienchor zu einer erfreulichen Wiederbelebung. Zum 25-jährigen Jubiläum hat
die rührige Leiterin Etta Hilsberg eines der populärsten und zugleich
anspruchsvollsten Werke der Chorliteratur auf das Programm im Konzerthaus
gesetzt: Mendelssohns Oratorium „Elias“ ist Prüfstein für stimmliche Kraft
und Geschmeidigkeit, verlangt Gespür für große Linie und Ausdruckskontraste.
Dies zeigt der Chor zu Beginn, wenn dem Aufschrei „Herr! Hilf!“ die bange,
wie geflüsterte Frage folgt: „Will denn der Herr nicht mehr Gott sein in
Zion?“ Denn das Wasser versiegt, und der Prophet Elias soll Gott um Regen für
das Volk Israel bitten.
Jens Hamann
erfüllt die leidenschaftliche Hauptpartie mit jugendlich hellfarbigem,
beweglichem Bass, zeigt beachtliche Koloraturen, wenn „des Herrn Wort ... wie
ein Hammer“ Felsen zerschlägt. Esther Hilsberg (Sopran), Sonja Koppelhuber
(Alt) und Clemens Löschmann (Tenor) vervollständigen das homogene
Solistenquartett, das zu wiegenden Streicherklängen des Deutschen
Kammerorchesters Berlin einen Moment spannungsvollen Innehaltens vor dem
Ausbruch der Elemente schafft: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn.“ Später
geht die Spannung in allzu moderaten Tempi ein wenig verloren. Doch wenn die
Camerata vocale zum Schluss mit zauberhaftem Piano den säuselnden, Gott
umfangenden Wind beschwört, wird wieder klar: „Wer bis an das Ende beharrt,
der wird selig.“
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Tagesspiegel
Berlin, 15.03.2010 von Christiane Tewinkel
Etta Hilsberg und Camerata Vocale spielen
Bach im Kammermusiksaal
Eine
Rüge sollten Zuhörer bekommen, die nach Bachs Matthäus-Passion sofort die
Friedfertigkeit der letzten Verse „Ruhe sanfte, sanfte ruh!“ brechen und
applaudierend nach vorn drängeln. Einerseits verständlich. Drei Stunden
Passionsmusik sind nichts für Ungeduldige. Andererseits hat die Aufführung
unter Etta Hilsberg verdient, dass sie nachwirken darf. Solide, belebt, innig
gerade in den tänzerischen Sätzen musiziert Hilsberg mit ihrer Camerata
Vocale, dem Deutschen Kammerorchester Berlin und Andreas Lisius (Continuo),
einer Solistenriege schließlich mit Sebastian Bluth (Christus) und Clemens C.
Löschmann an der Spitze, dieser mit schön prononcierendem Bass, jener mit dem
artifiziellen Leuchten des guten Evangelisten. Esther Hilsberg singt
einfühlsam die Sopranpartien, Bettina Ranch (Alt) stellt ein stark veredeltes
Timbre aus, und Jens Hamanns (Bassarien, Pilatus) Stimme könnte angemessener,
oratorischer kaum tönen. Von rechts sekundiert der Cantus Firmus Projektchor,
aus der Camerata selbst aber sind die Mini-Solo-Partien zu vernehmen, mit
denen Zeugen, Mägde oder Jünger zu Wort kommen. Groß ist die Leistung des
Gesamtchores; nicht nur konditionell, auch musikalisch stellt Bachs Passion
immense Anforderungen. Dass die Liebe zum Detail den großen Bogen mitunter
zum Kleinklein zerschießt, die Laiensoli die Spannung bröckeln lassen, sind
nur winzige Eintrübungen an einem Abend, der an Charisma den
vollprofessionellen Aufführungen nicht nachsteht.
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Berliner
Zeitung, 06.05.2004 von Jan Brachmann
Über den Tag hinaus
Die Camerata vocale Berlin und der Gewandhauschor Kyoto-Osaka mit
Brahms
Ein
Requiem für die Kunst ist die "Nänie" von Johannes Brahms, ein
Essay über deren Endlichkeit, wie er dichter und anmutiger nie geschrieben
wurde. Voller Respekt, Liebe gar steckt diese Musik für jenen Idealismus, der
noch aus Tiecks und Wackenroders
"Phantasien über die Kunst" leuchtet: "Alles, was vollendet,
das heißt, was Kunst ist, ist ewig und unvergänglich". Ohne diesen
Glauben klein zu machen, hat Brahms ihn nicht mehr geteilt. Seine Vertonung
von Schillers Elegie für Chor und Orchester, die mit den Worten anhebt
"Auch das Schöne muss sterben", steuert auf einen Satz zu, der
seinen Schrecken aus der Grazie des Pianissimo bezieht: "dass das Schöne
vergeht, dass das Vollkommene stirbt".
Dieses gut zehnminütige Stück stand am Anfang eines von Etta Hilsberg
dirigierten Konzerts der Camerata vocale Berlin am Dienstag in der
Philharmonie, das als Konzert selbst schon die besondere Endlichkeit gerade
dieses Werks ans Licht holte. Man hört Brahms' "Nänie" und auch das
folgende "Schicksalslied" nach Hölderlin so selten, weil diese
Gattung des symphonischen Chorgesangs eng mit einer Kultur bürgerlicher
Singakademien und nationaler Musikfeste verbunden war, die ihre Zeit in
Deutschland hinter sich hat. Die Camerata vocale ist als sehr gut
disponierter Laienchor ein Ausläufer dieser Kultur: Lebensform eines
Bürgertums, in dem Kunst einmal als "Herzensbildung" betrachtet wurde,
ein Heraustreten aus dem Erwerbsleben als Versuch, einen Begriff von sich
selbst zu bekommen - und sei es nur (wie hier bei Brahms), um der eigenen
Endlichkeit gewahr zu werden, gerade indem man über das hinausdenkt, was der
Tag von einem will.
Stürmische Zuneigung
Die Camerata vocale war vom Gewandhauschor Kyoto-Osaka zu einer stattlichen
Hundertschaft verstärkt worden. In Japan hält sich seit über zwanzig Jahren
eine stürmische Zuneigung für europäische Kunstmusik, für den Chorgesang bei
Bach, Beethoven und Brahms besonders. Und auch das war am Dienstag zu spüren:
Dieser Enthusiasmus zielt weniger auf eine Leistungsschau, denn auf
gemeinschaftliche Teilhabe, weniger auf eine Darbietung, denn auf ein Tun.
Damit soll keineswegs gesagt werden, dass hier im künstlerischen Ergebnis
wenig geleistet wurde.
Sicher, im "Schicksalslied" hätte der Chor Brahms' skulpturale
Arbeit an der Sprache (die sich von der Stimmungsmalerei seines Jahrhunderts
scharf unterscheidet) deutlicher zeigen müssen. Die Berliner Symphoniker erwiesen
sich hier als Begleiter viel beredsamer als die Sänger. Umgekehrt hätte es in
der "Nänie" genauerer Arbeit mit dem Orchester bedurft: Die
Klarinetten deckten, etwas überengagiert, das Oboen-Solo des Anfangs zu,
dessen liebliche Strenge den Klang hätte bestimmen müssen. Dafür aber hat der
Chor das Wort "sterben" so schwebend in den Raum gezeichnet wie
einen Zirrus an den eisblauen Septemberhimmel.
Dass den Musikern diese Leichtigkeit auch im Deutschen Requiem (mit der
Sopranistin Esther Hilsberg und dem Bariton Elmar Andree als Solisten)
gelungen ist, gehört zum Erstaunlichsten des Abends. Denn diese Leichtigkeit
des Sagens raubte dem Gesagten nichts von seinem Gewicht. Man spürte eine
tiefe Vertrautheit von Chor und Orchester mit diesem Werk in der Biegsamkeit
der Artikulation und der Feinheit musikalischer Dynamik. Aus den
Sekundseufzern von Klarinette und Flöte am Ende des 5. Satzes leuchtete die
Welt in ihrer Zeitlichkeit und zugleich darüber hinaus. Und im letzten Satz
hüpften die Streicher in frohen Jamben gegen die trochäisch tropfenden
Textworte "Selig sind die Toten". So entstand Sinn gerade im
artikulatorischen Kontrast von Singen und Sagen. Wenn diese Toten so leicht
durch Zebaoths liebliche Wohnungen tanzen, hat
Brahms wohl recht mit seinem Satz, der das profunde Programmheft eröffnete:
"Das Leben raubt einem mehr als der Tod".
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Tagesspiegel
Berlin, 18.06.2002 von Carsten Niemann
Die heilige Kirche
Nicht-Katholiken geht es eigentlich nichts an. Dennoch: Jedem, der hörte, wie
die Camerata vocale in der Philharmonie das musikalische Hochamt zelebrierte,
konnten Tränen in die Augen steigen: Auf welche gestaltenden Energien, auf
welche Überzeugungskraft muss eine Kirche verzichten, die noch immer über die
Zulässigkeit der Priesterinnenweihe diskutiert!
Unter Etta Hilsberg, dem energiegeladenen weiblichen „Prete
rosso“ der Berliner Chorszene, glaubte man dem Chor
jedenfalls jedes Wort von Haydns dramatischer Nelson-Messe: Vom „K“ des Kyrie
bis zur „sanctam catholicam
et apostolicam ecclesiam“
nahm das Ensemble durch die Klarheit, Intensität und Überzeugungskraft seines
Wortausdrucks für sich ein.
Glücklich gewählt war die Solistenriege: Dem erfahren gestaltenden Bass
Gotthold Schwarz standen die besonders in der Höhe ausdruckskräftige junge
Sopranistin Esther Hilsberg, der tragende warme Alt von Anna Fischer und der
etwas leichtere Tenor von Markus Schneider-Francke zur Seite.
Mitreißend in seinen kompromisslos frischen Tempi wirkte auch Carl Philipp
Emmanuel Bachs noch viel zu unbekanntes Magnificat: spannend selbst dort, wo
es alle Ausführenden mit seinen gnadenlos virtuosen Koloraturen und Sprüngen,
seiner Durchsichtigkeit und Stilvielfalt an ihre Grenzen brachte. Wünschen
konnte man dem Team noch stärkere Zurückhaltung vom musikantischen Radio Symphonie
Orchester Pilsen, der Dirigentin einen Hauch mehr Gelassenheit bei ihren
bebend energetischen Einsätzen, und Tenor sowie Bass noch stärkeren Zulauf
chorerfahrener Männer, die keine Angst vor dirigierenden Frauen haben.
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Sonntag,
31.03.2002 von Christina Tilmann
Ruhe sanft
Bunt ist das Bild, rund ist der Klang: Die Damen und Herren der Camerata
Vocale Berlin, unterstützt von der Tokyo Oratorio
Society und dem Kinderchor Canzonetta, sind schon an ihrem Outfit gut
auseinanderzuhalten. Rot die Damen der Camerata, Schwarz-Weiß die Gäste aus
Tokyo und mit weißem Spitzenkragen die Mädchen der Canzonetta. Bunt gemischt,
nicht mehr nach Stimmgruppen unterteilt, ergeben sie in der Philharmonie ein
vorösterlich fröhliches Bild - der ernsten Stimmung von Bachs Matthäuspassion
vielleicht nicht ganz angemessen. Dem Stimmklang jedoch kommt die gemischte
Aufstellung sehr zugute: Harmonisch, rund und schlank kommen gerade die
Choräle als Höhepunkte der Passion bestens zur Geltung. Bei den musikalisch
komplexeren Eckchören wie auch bei den dramatischen Wechselreden ist die
Aufstellung problematischer: Hier hätte die Schärfe der Gegenüberstellung und
die Hysterie der Zwischenrufe bei klassischer Stimmtrennung vielleicht noch
stärker gewirkt - obwohl Lokalmatadorin Etta
Hilsberg ihre Gefolgschaft in jeder Minute straff im Griff hat. Da stimmt
jeder Einsatz, schleppt kein Tempo. Für einen Laienchor dieser Größe eine
bemerkenswerte Kraftprobe.
Auch bei den Solisten ist der Geist des Werks deutlich zu spüren: In der Erregung
des Evangelisten Markus Schneider-Francke, dessen helle, in den dramatischen
Momenten fast überschnappende Stimme etwas von der atemlosen
Berichterstattung des Augenzeugen vermittelt. In der ruhigen Emphase, mit der
Matthias Vieweg die Worte Jesu erfüllt. In der Klarheit, mit der Esther
Hilsberg besonders in der Arie "Aus Liebe will mein Heiland
sterben" Dienst am Stück übt, in Bettina Spreitz-Runfeldts
Klageton und in der Würde, mit der Jörg Gottschick selbst als reuiger Judas
auftritt. Dass nicht jede Zähre perlt, wie sie
soll, nicht jede Höhe ganz rein kommt - sei's drum. Der Ernst, mit der alle
Mitwirkenden zu Werke gehen, verbietet jede Krittelei
- und erfüllt alle Bedingungen einer Oratorienandacht in schönster Weise.
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Berliner
Morgenpost, 22.02.2000 von W. Sch.
Camerata vocale folgte Friedrich Metzler auf seinem Kreuzweg
Über einen Mangel an neuen Ergänzungen des fragmentarischen Requiems von
Mozart kann man in den letzten Jahren wahrlich nicht klagen. Es gibt dabei
zwei Typen von Bearbeitern. Die einen halten Franz Xaver Süssmayr,
von dem die erste Vervollständigung stammt, gnadenlos für einen Stümper und
greifen in die Notenvorlage ziemlich eigenmächtig ein. Die anderen nähern
sich der torsohaften Partitur vorsichtig und
behutsam. Zu den Letzteren gehört Franz Beyer, für dessen Requiem-Fassung
sich Etta Hilsberg entschieden hatte. So einfühlsam sein
Rekonstruktionsversuch, so unspektakulär die Wiedergabe. Die Camerata
vocale, von Etta Hilsberg auf einen weich gezeichneten Mozart hin einstudiert,
sang tadellos. Die vier Solisten Christiane Libor (Sopran), Irene Schneider
(Alt), Michael Zabanoff (Tenor) und Wolfram Teßmer (Bass) fügten sich harmonisch dem Konzept ein und
das Radio Symphonie Orchester Pilsen begleitete sensibel. Eine sanftmütige,
auf Besinnlichkeit zielende Totenmesse.
Als Ergänzung wählte Etta Hilsberg eine geistliche Komposition von Friedrich
Metzler (Jahrgang 1910), einem Berliner Komponisten, der schon zu Lebzeiten
zu den Unauffälligen, Stillen im Lande gezählt werden musste. Metzler hat
sich nie irgendwelchen aktuellen Schulen gehörig gefühlt. Davon legt sein
Oratorium «Kreuzweg» - eine Berliner Erstaufführung - deutlich Zeugnis ab. In
14 Stationen wird bewusst undramatisch der Leidensweg Christi musikalisch
nachvollzogen. Dabei bilden die Textgrundlage Bibelworte und Passagen aus
spätmittelalterlichen Schriften der Mystiker, verteilt auf einen Sprecher
(Manfred Kindel), Sopran- und Bass-Solo, Chor und klein besetztes Orchester.
Bericht im Wechsel mit Meditation ergänzen sich zu
einem Stück in recht kurz gefasster, lapidarer Form. Es folgt ästhetisch den
Stilspuren von Strawinskys «Psalmensymphonie». Es
besitzt die schätzenswerte Eigenschaft, tiefernst ohne verbissen zu sein.
Spätromantisches wird in sparsame, stets durchsichtige, oft überraschend
aparte Orchestrierung gefasst. Kontrapunktisches wirkt nie schwerfällig oder
steif, sondern flüssig und geschmeidig. Eine hoch achtbare Passionsmusik,
leicht verständlich und unmittelbar berührend. Sie fand in der Philharmonie
großen Anklang.
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Tagessspiegel,
30.06.1998 von Isabel Herzfeld
Spannungsvoll-Camerata vocale singt im
KMS
Schon das Programm garantierte den Erfolg: Zigeuner- und Liebeslieder von
Brahms, danach der "Carneval der Tiere"
von Camille Saint-Saens, was kann da schon schiefgehen? Bei unzulänglichen
Ausführenden alles. Doch Etta Hilsberg und ihre Camerata vocale vollbringen
das Kunststück, die bekannten Gesänge ganz frisch klingen zu lassen. Gewiß, die "Zigeunerlieder" können noch mehr
Wärme und Sinnlichkeit ausstrahlen. Die Tenöre wirkten zu Beginn noch recht
schwach, auch die Klavierbegleitung (Andreas Lisius) hätte kräftigere Akzente
setzen können. Dafür durften die Herrren in den
"Liebesliedern" schmachten: "Wäre längst ein Mönch geworden,
wären nicht die Frauen", heißt es da mit leiser Ironie. Mit
transparenter Leichtigkeit ließ man den "kleinen hübschen Vogel"
hüpfen, "Sanft die Quelle" die verschlungenen Wege der Liebe
nachzeichnen, doch auch temperamentvoll klagen: "Ein dunkler Schacht ist
Liebe, da fiel ich hinein" - besonders reizvoll im Wechselgesang. Die
Dirigentin gewann dem schwingenden Walzertakt immer neue Differenzierungen
ab, weiche Bögen in Piano, ausgewogene Übergänge mit spannungsvollen Ritardandi
Die
Hilsberg-Sprößlinge Inga und Esther machten auch
bei Saint-Saens als brillantes Klavierduo Furore - umso erstaunlicher
angesichts einer Vielseitigkeit, die die eine auch als Dirigentin, die andere
als Sängerin hervortreten läßt. Leichtigkeit des
Klanges auch beim "Artemis-Ensemble", in dem Julia Poltzien dem "sterbenden Schwan" die
Cello-Stimme lieh. Natürlich steigerten die Zwischentexte von Loriot, von
Manfred Kindel hintersinnig vorgetragen, noch das Vergnügen. Tosender
Beifall.
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Tagesspiegel,
13.02.1998 von Sybill Mahlke
Über allem der Frühling
Etta Hilsberg und die Camerata vocale verbinden Mendelssohn mit Orff
Etta Hilsberg ist aus der Berliner Kirchenmusikschule hervorgegangen, und
ihre musikalische Fähigkeit hat sich dort geschult, bei Ernst Pepping noch, aber auch bei Martin Behrmann und Helmut
Barbe. Seit zwölf Jahren leitet sie die Berliner Camerata vocale, und ein
Auftritt in der Philharmonie mit dem vertrauten Radio Symphonie Orchester
Pilsen bestätigt, daß sie über einen erstaunlichen dirigentischen Impetus verfügt. Sie wagt die politisch
großzügige Konstellation, Felix Mendelssohn Bartholdy mit Carl Orff zu
kombinieren.
Über
allem aber steht der Frühling: "Die Erste Walpurgisnacht" nach der
Ballade von Johann Wolfgang von Goethe und "Carmina burana", Lieder
aus der Benediktbeurer Handschrift.
In der Ouvertüre des Mendelssohn-Werkes erweist sich, daß
Etta Hilsberg sich auf reine Orchestermusik versteht. Dann aber kommt ihr
Chor, der alle Tugenden von Textdeutlichkeit bis zu tadelloser Intonation
parat hat. Der wildverschwörerische Chor der Wächter der Druiden,
"Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln" in dem Werk von Mendelssohn hat
bei Etta Hilsberg weniger von der befremdlichen Modernität, die Hans Werner
Henze kürzlich in Leipzig konstatiert und Kurt Masur interpretiert hat.
Hilsberg ist eine eher harmonisierende Dirigentin, hat die schmiegsame Gestik
derer, die Chöre leiten, aber etwas darüber hinaus. Das kommt ihr auch im
"Reigen" der "Carmina burana" zugute.
Das
Orchester aus Pilsen beweist hohe Qualitäten, zumal seiner Hörner, die
Camerata vocale singt ihr weltliches Kirchenlatein mit feiner, fesselnder
Präzision. Und unter den Sängern macht der Bariton Stefan Stoll nachhaltig
auf sich aufmerksam.
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Tagessspiegel,
01.06.1997 von Eckart Schwinger
Ausdruck ambivalent
Ein Chorsinfonisches Konzert unter Etta Hilsberg in der Philharmonie
Zwischen einer Haydn- und einer Mozart-Messe erklang auf stimulierende Weise
das Orgelkonzert von Francis Poulenc. Beschert wurde uns diese nicht
alltägliche Konstellation in einem chorsinfonischen Konzert mit der Camerata
vocale Berlin und dem Ensemble Oriol unter Etta
Hilsberg in der Philharmonie. Den stärksten Eindruck brachte in der Tat das
hintersinnig ernste wie verschmitzte Orgelkonzert von Poulenc aus dem Jahr
1938, das man hierzulande selten einmal in solch feinnerviger Interpretation
gehört haben dürfte.
Da
fehlte es weder an dem typischen französischen Fluidum noch an der dramatisch
akzentuierten Impulsivität. Inga Hilsberg spielte das Orgelsolo mit delikater
Farbigkeit und Bravour. Und unter der Dirigentin Etta Hilsberg, die mit
Genauigkeit und Schwungkraft agierte, entfaltete das Ensemble Oriol nicht nur eine sprühende Expressivität, sondern
auch einen einschmeichelnden klanglichen Charme, einen spritzigen, chansonartigen Gestus, der nun einmal zu diesem
eigenartigen französischen Komponisten dazugehört. Da stehen spielerische
Eleganz, das anmutsvolle Melos unmittelbar neben nachdenklich-elegischen
Passagen. Der sich später während der faschistischen Okkupation aktiv am
Widerstand beteiligende und für die Résistance komponierende Poulenc war eben
nicht nur zu geistreichen Klangspäßen, sondern auch zu tiefernsten
Meditationen fähig. Ein merklicher Schatten liegt auch schon über dem
Orgelkonzert.
Da gibt
es Berührungspunkte mit Mozart, dessen unvollendete c-Moll-Messe
(KV 427) im zweiten Konzertteil zur Aufführung gelangte. Über dem gewaltigen
Torso liegt der düstere Schatten der Leidensgeschichte, aber auch die
Transparenz der Heiterkeit. Gerade diese ambivalente Ausdruckshaltung bei
Mozart wie bei Poulenc ließ nicht unberührt. Diese Eindrücke vermittelte bei
Mozart nicht zuletzt auch das mit Silvia Weiss, Bettina Spreitz-Rundfeldt,
Jan Kobow und Georg Zeppenfeld
stilvoll besetzte Solistenensemble.
Während
bei der zu Beginn musizierten "Mariazeller Messe" von Joseph Haydn
noch etwas die ganz klare Umrißlinie und
rhetorische Intensität (die der Camerata vocale insgesamt doch noch mehr
zuwachsen müßte) fehlten, erfreute bei dem von Etta
Hilsberg zwar nicht allzu leuchtkräftig, aber trotzdem energievoll und
großflächig aufgebauten Mozart die schöne musikalische Phrasierung, die
weichgeschwungene Kantabilität des Chores. Daß
dabei das Ensemble Oriol mit seinem scharfkantigen
Klangstil, seiner brillanten Überredungskraft bisweilen den Ton angab,
überraschte nicht.
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