Philharmonie Berlin / Kammermusiksaal: Camerata vocale Berlin  3.4.2011

Werke von J. Haydn und G. F. Händel

1985 gegründet, gehört die Camerata vocale Berlin seit langem schon zu den wichtigsten Laienchören Berlins. Die kontinuierliche Arbeit zahlt sich dort aus. Die Gründerin und Leiterin Etta Hilsberg ist auch gleichzeitig Geschäftsführerin, und es hat durchaus etwas Familiäres, wenn am vorderen Rand der Bühne drei Körbe mit Blumen stehen, die dann am Schluss an alle Chormitglieder verteilt werden. Das Erkennungsmerkmal des Chores: Die Frauen treten im knallroten Gewand auf. Das zeugt von Selbstbewusstsein, und das kann man sich auch leisten.

Einer der besten Laienchöre Berlins
Seit Jahren bietet die Camerata vocale ihrem Publikum Qualität. Dabei arbeitet Etta Hilsberg mit eisernem Willen an der Weiterentwicklung und Vervollkommnung des Chores – bis hin zu Extraschichten mit Stimmbildung in kleinen Gruppen. Es hat auch eine deutliche Verjüngung des Chores stattgefunden; bei wenigen Chören sieht man so viele junge Gesichter, und nicht erst nach dem jüngsten Konzert darf man hier von einem der besten Laienchöre Berlins sprechen.

Ein wichtiger Aspekt ist die kluge Programmauswahl. Alles, was angeboten wird, ist für gute Laienchöre zu bewältigen. Dabei gibt es eine gute Mischung aus den oratorischen Standardwerken (nächstes Konzert: die Schöpfung von Haydn) und seltener zu hörenden Werken. Dazu zählt auch Joseph Haydns Mariazellermesse, die in letzter Zeit kaum noch im Konzert zu erleben war. Von Anfang an ist die Detailarbeit zu spüren. Es stimmt in der Intonation, sogar weitgehend in den Spitzentönen; hier wird bis ins Kleinste gemeinsam gestaltet.

Tenöre und Bässe gesucht
Etta Hilsberg überlässt nichts dem Zufall, dirigiert Strukturen und Gesten deutlich vor. Am Beginn dominierte noch ein wenig Behutsamkeit; da wurde piano mit Vorsicht und Ängstlichkeit verwechselt. Aber nach und nach wuchs die dynamische Bandbreite; das Klangvolumen nahm zu, und trotzdem blieb alles gut durchhörbar, auch in polyphonen Passagen. Zunächst wirkten auch Tenöre und Bässe, ohnehin zahlenmäßig unterlegen (laut Programmheft hat man noch Bedarf), etwas dünn, aber auch hier gewann es an Substanz und Kraft. Man nimmt sicher nicht jeden Bewerber auf, das wurde deutlich.

Ähnlich gut gearbeitet waren Georg Friedrich Händels Coronation Anthems. Zunächst noch etwas brav und wie mit angezogener Handbremse, sangen sich die Choristen rasch frei und kombinierten die notwendige Feierlichkeit mit wunderbar langgezogenen Linien, dabei jedoch schlank im Klang. Man merkt, dass auch hier die Errungenschaften der historisch informierten Aufführungspraxis nicht spurlos am Chor vorbei gegangen sind. Das alles hatte Qualität.

Vom Deutschen Kammerorchester engagiert begleitet
Seit kurzem arbeitet die Camerata vocale regelmäßig mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin zusammen. Eine gute Entscheidung: Hier spielt kein Orchester, dass bei Chorbegleitung mit halber Energie als Pflichtübung auftritt, wie man es leider immer wieder erleben muss. Die Musiker sind engagierte Partner; man ist sich einig im schlanken Klang, spielt auch gerne präzise nach vorn und ist angenehm zurückhaltend mit Streichvibrato. Zusammen mit dem vorzüglichen Organisten Heiko Holtmeier – gleichzeitig Korrepetitor bei der Camerata vocale – gab es noch ein frühes Orgelkonzert von Haydn in mehr als ordentlicher Aufführung. Leider ist dieses Werk nicht gerade die stärkste Erfindung des Komponisten. Macht nichts: Nach diesem gelungenen Konzert können alle Beteiligten mit ihrer Arbeit vollauf zufrieden sein.
Andreas Göbel, kulturradio

Bewertung: k

Unser "K" zeigt Ihnen die Einschätzung unserer Kulturradio-Rezensenten:

k großartig     k zwiespältig
k gelungen        k misslungen
k annehmbar

Tagesspiegel Berlin, 25.05.2010 von Isabel Herzfeld

Stimmt so: das Jubiläumskonzert der Camerata Vocale

 

Verdienst der Camerata vocale Berlin ist der Einsatz für wenig Bekanntes: Werken der Barockmeister Graun und Hasse, Puccinis „Messa di Gloria“ oder auch dem Weihnachtsoratorium von Saint-Saëns verhalf der Laienchor zu einer erfreulichen Wiederbelebung. Zum 25-jährigen Jubiläum hat die rührige Leiterin Etta Hilsberg eines der populärsten und zugleich anspruchsvollsten Werke der Chorliteratur auf das Programm im Konzerthaus gesetzt: Mendelssohns Oratorium „Elias“ ist Prüfstein für stimmliche Kraft und Geschmeidigkeit, verlangt Gespür für große Linie und Ausdruckskontraste. Dies zeigt der Chor zu Beginn, wenn dem Aufschrei „Herr! Hilf!“ die bange, wie geflüsterte Frage folgt: „Will denn der Herr nicht mehr Gott sein in Zion?“ Denn das Wasser versiegt, und der Prophet Elias soll Gott um Regen für das Volk Israel bitten.

Jens Hamann erfüllt die leidenschaftliche Hauptpartie mit jugendlich hellfarbigem, beweglichem Bass, zeigt beachtliche Koloraturen, wenn „des Herrn Wort ... wie ein Hammer“ Felsen zerschlägt. Esther Hilsberg (Sopran), Sonja Koppelhuber (Alt) und Clemens Löschmann (Tenor) vervollständigen das homogene Solistenquartett, das zu wiegenden Streicherklängen des Deutschen Kammerorchesters Berlin einen Moment spannungsvollen Innehaltens vor dem Ausbruch der Elemente schafft: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn.“ Später geht die Spannung in allzu moderaten Tempi ein wenig verloren. Doch wenn die Camerata vocale zum Schluss mit zauberhaftem Piano den säuselnden, Gott umfangenden Wind beschwört, wird wieder klar: „Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig.“

 

Tagesspiegel Berlin, 15.03.2010 von Christiane Tewinkel

Etta Hilsberg und Camerata Vocale spielen Bach im Kammermusiksaal

Eine Rüge sollten Zuhörer bekommen, die nach Bachs Matthäus-Passion sofort die Friedfertigkeit der letzten Verse „Ruhe sanfte, sanfte ruh!“ brechen und applaudierend nach vorn drängeln. Einerseits verständlich. Drei Stunden Passionsmusik sind nichts für Ungeduldige. Andererseits hat die Aufführung unter Etta Hilsberg verdient, dass sie nachwirken darf. Solide, belebt, innig gerade in den tänzerischen Sätzen musiziert Hilsberg mit ihrer Camerata Vocale, dem Deutschen Kammerorchester Berlin und Andreas Lisius (Continuo), einer Solistenriege schließlich mit Sebastian Bluth (Christus) und Clemens C. Löschmann an der Spitze, dieser mit schön prononcierendem Bass, jener mit dem artifiziellen Leuchten des guten Evangelisten. Esther Hilsberg singt einfühlsam die Sopranpartien, Bettina Ranch (Alt) stellt ein stark veredeltes Timbre aus, und Jens Hamanns (Bassarien, Pilatus) Stimme könnte angemessener, oratorischer kaum tönen. Von rechts sekundiert der Cantus Firmus Projektchor, aus der Camerata selbst aber sind die Mini-Solo-Partien zu vernehmen, mit denen Zeugen, Mägde oder Jünger zu Wort kommen. Groß ist die Leistung des Gesamtchores; nicht nur konditionell, auch musikalisch stellt Bachs Passion immense Anforderungen. Dass die Liebe zum Detail den großen Bogen mitunter zum Kleinklein zerschießt, die Laiensoli die Spannung bröckeln lassen, sind nur winzige Eintrübungen an einem Abend, der an Charisma den vollprofessionellen Aufführungen nicht nachsteht.

Berliner Zeitung, 06.05.2004 von Jan Brachmann


Über den Tag hinaus
Die Camerata vocale Berlin und der Gewandhauschor Kyoto-Osaka mit Brahms

Ein Requiem für die Kunst ist die "Nänie" von Johannes Brahms, ein Essay über deren Endlichkeit, wie er dichter und anmutiger nie geschrieben wurde. Voller Respekt, Liebe gar steckt diese Musik für jenen Idealismus, der noch aus Tiecks und Wackenroders "Phantasien über die Kunst" leuchtet: "Alles, was vollendet, das heißt, was Kunst ist, ist ewig und unvergänglich". Ohne diesen Glauben klein zu machen, hat Brahms ihn nicht mehr geteilt. Seine Vertonung von Schillers Elegie für Chor und Orchester, die mit den Worten anhebt "Auch das Schöne muss sterben", steuert auf einen Satz zu, der seinen Schrecken aus der Grazie des Pianissimo bezieht: "dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt".
Dieses gut zehnminütige Stück stand am Anfang eines von Etta Hilsberg dirigierten Konzerts der Camerata vocale Berlin am Dienstag in der Philharmonie, das als Konzert selbst schon die besondere Endlichkeit gerade dieses Werks ans Licht holte. Man hört Brahms' "Nänie" und auch das folgende "Schicksalslied" nach Hölderlin so selten, weil diese Gattung des symphonischen Chorgesangs eng mit einer Kultur bürgerlicher Singakademien und nationaler Musikfeste verbunden war, die ihre Zeit in Deutschland hinter sich hat. Die Camerata vocale ist als sehr gut disponierter Laienchor ein Ausläufer dieser Kultur: Lebensform eines Bürgertums, in dem Kunst einmal als "Herzensbildung" betrachtet wurde, ein Heraustreten aus dem Erwerbsleben als Versuch, einen Begriff von sich selbst zu bekommen - und sei es nur (wie hier bei Brahms), um der eigenen Endlichkeit gewahr zu werden, gerade indem man über das hinausdenkt, was der Tag von einem will.

Stürmische Zuneigung
Die Camerata vocale war vom Gewandhauschor Kyoto-Osaka zu einer stattlichen Hundertschaft verstärkt worden. In Japan hält sich seit über zwanzig Jahren eine stürmische Zuneigung für europäische Kunstmusik, für den Chorgesang bei Bach, Beethoven und Brahms besonders. Und auch das war am Dienstag zu spüren: Dieser Enthusiasmus zielt weniger auf eine Leistungsschau, denn auf gemeinschaftliche Teilhabe, weniger auf eine Darbietung, denn auf ein Tun. Damit soll keineswegs gesagt werden, dass hier im künstlerischen Ergebnis wenig geleistet wurde.
Sicher, im "Schicksalslied" hätte der Chor Brahms' skulpturale Arbeit an der Sprache (die sich von der Stimmungsmalerei seines Jahrhunderts scharf unterscheidet) deutlicher zeigen müssen. Die Berliner Symphoniker erwiesen sich hier als Begleiter viel beredsamer als die Sänger. Umgekehrt hätte es in der "Nänie" genauerer Arbeit mit dem Orchester bedurft: Die Klarinetten deckten, etwas überengagiert, das Oboen-Solo des Anfangs zu, dessen liebliche Strenge den Klang hätte bestimmen müssen. Dafür aber hat der Chor das Wort "sterben" so schwebend in den Raum gezeichnet wie einen Zirrus an den eisblauen Septemberhimmel.
Dass den Musikern diese Leichtigkeit auch im Deutschen Requiem (mit der Sopranistin Esther Hilsberg und dem Bariton Elmar Andree als Solisten) gelungen ist, gehört zum Erstaunlichsten des Abends. Denn diese Leichtigkeit des Sagens raubte dem Gesagten nichts von seinem Gewicht. Man spürte eine tiefe Vertrautheit von Chor und Orchester mit diesem Werk in der Biegsamkeit der Artikulation und der Feinheit musikalischer Dynamik. Aus den Sekundseufzern von Klarinette und Flöte am Ende des 5. Satzes leuchtete die Welt in ihrer Zeitlichkeit und zugleich darüber hinaus. Und im letzten Satz hüpften die Streicher in frohen Jamben gegen die trochäisch tropfenden Textworte "Selig sind die Toten". So entstand Sinn gerade im artikulatorischen Kontrast von Singen und Sagen. Wenn diese Toten so leicht durch Zebaoths liebliche Wohnungen tanzen, hat Brahms wohl recht mit seinem Satz, der das profunde Programmheft eröffnete: "Das Leben raubt einem mehr als der Tod".

Tagesspiegel Berlin, 18.06.2002 von Carsten Niemann


Die heilige Kirche

Nicht-Katholiken geht es eigentlich nichts an. Dennoch: Jedem, der hörte, wie die Camerata vocale in der Philharmonie das musikalische Hochamt zelebrierte, konnten Tränen in die Augen steigen: Auf welche gestaltenden Energien, auf welche Überzeugungskraft muss eine Kirche verzichten, die noch immer über die Zulässigkeit der Priesterinnenweihe diskutiert!
Unter Etta Hilsberg, dem energiegeladenen weiblichen „Prete rosso“ der Berliner Chorszene, glaubte man dem Chor jedenfalls jedes Wort von Haydns dramatischer Nelson-Messe: Vom „K“ des Kyrie bis zur „sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ nahm das Ensemble durch die Klarheit, Intensität und Überzeugungskraft seines Wortausdrucks für sich ein.
Glücklich gewählt war die Solistenriege: Dem erfahren gestaltenden Bass Gotthold Schwarz standen die besonders in der Höhe ausdruckskräftige junge Sopranistin Esther Hilsberg, der tragende warme Alt von Anna Fischer und der etwas leichtere Tenor von Markus Schneider-Francke zur Seite.
Mitreißend in seinen kompromisslos frischen Tempi wirkte auch Carl Philipp Emmanuel Bachs noch viel zu unbekanntes Magnificat: spannend selbst dort, wo es alle Ausführenden mit seinen gnadenlos virtuosen Koloraturen und Sprüngen, seiner Durchsichtigkeit und Stilvielfalt an ihre Grenzen brachte. Wünschen konnte man dem Team noch stärkere Zurückhaltung vom musikantischen Radio Symphonie Orchester Pilsen, der Dirigentin einen Hauch mehr Gelassenheit bei ihren bebend energetischen Einsätzen, und Tenor sowie Bass noch stärkeren Zulauf chorerfahrener Männer, die keine Angst vor dirigierenden Frauen haben.

Sonntag, 31.03.2002 von Christina Tilmann


Ruhe sanft


Bunt ist das Bild, rund ist der Klang: Die Damen und Herren der Camerata Vocale Berlin, unterstützt von der Tokyo Oratorio Society und dem Kinderchor Canzonetta, sind schon an ihrem Outfit gut auseinanderzuhalten. Rot die Damen der Camerata, Schwarz-Weiß die Gäste aus Tokyo und mit weißem Spitzenkragen die Mädchen der Canzonetta. Bunt gemischt, nicht mehr nach Stimmgruppen unterteilt, ergeben sie in der Philharmonie ein vorösterlich fröhliches Bild - der ernsten Stimmung von Bachs Matthäuspassion vielleicht nicht ganz angemessen. Dem Stimmklang jedoch kommt die gemischte Aufstellung sehr zugute: Harmonisch, rund und schlank kommen gerade die Choräle als Höhepunkte der Passion bestens zur Geltung. Bei den musikalisch komplexeren Eckchören wie auch bei den dramatischen Wechselreden ist die Aufstellung problematischer: Hier hätte die Schärfe der Gegenüberstellung und die Hysterie der Zwischenrufe bei klassischer Stimmtrennung vielleicht noch stärker gewirkt - obwohl Lokalmatadorin Etta Hilsberg ihre Gefolgschaft in jeder Minute straff im Griff hat. Da stimmt jeder Einsatz, schleppt kein Tempo. Für einen Laienchor dieser Größe eine bemerkenswerte Kraftprobe.
Auch bei den Solisten ist der Geist des Werks deutlich zu spüren: In der Erregung des Evangelisten Markus Schneider-Francke, dessen helle, in den dramatischen Momenten fast überschnappende Stimme etwas von der atemlosen Berichterstattung des Augenzeugen vermittelt. In der ruhigen Emphase, mit der Matthias Vieweg die Worte Jesu erfüllt. In der Klarheit, mit der Esther Hilsberg besonders in der Arie "Aus Liebe will mein Heiland sterben" Dienst am Stück übt, in Bettina Spreitz-Runfeldts Klageton und in der Würde, mit der Jörg Gottschick selbst als reuiger Judas auftritt. Dass nicht jede Zähre perlt, wie sie soll, nicht jede Höhe ganz rein kommt - sei's drum. Der Ernst, mit der alle Mitwirkenden zu Werke gehen, verbietet jede Krittelei - und erfüllt alle Bedingungen einer Oratorienandacht in schönster Weise.

Berliner Morgenpost, 22.02.2000 von W. Sch.


Camerata vocale folgte Friedrich Metzler auf seinem Kreuzweg

Über einen Mangel an neuen Ergänzungen des fragmentarischen Requiems von Mozart kann man in den letzten Jahren wahrlich nicht klagen. Es gibt dabei zwei Typen von Bearbeitern. Die einen halten Franz Xaver Süssmayr, von dem die erste Vervollständigung stammt, gnadenlos für einen Stümper und greifen in die Notenvorlage ziemlich eigenmächtig ein. Die anderen nähern sich der torsohaften Partitur vorsichtig und behutsam. Zu den Letzteren gehört Franz Beyer, für dessen Requiem-Fassung sich Etta Hilsberg entschieden hatte. So einfühlsam sein Rekonstruktionsversuch, so unspektakulär die Wiedergabe. Die Camerata vocale, von Etta Hilsberg auf einen weich gezeichneten Mozart hin einstudiert, sang tadellos. Die vier Solisten Christiane Libor (Sopran), Irene Schneider (Alt), Michael Zabanoff (Tenor) und Wolfram Teßmer (Bass) fügten sich harmonisch dem Konzept ein und das Radio Symphonie Orchester Pilsen begleitete sensibel. Eine sanftmütige, auf Besinnlichkeit zielende Totenmesse.
Als Ergänzung wählte Etta Hilsberg eine geistliche Komposition von Friedrich Metzler (Jahrgang 1910), einem Berliner Komponisten, der schon zu Lebzeiten zu den Unauffälligen, Stillen im Lande gezählt werden musste. Metzler hat sich nie irgendwelchen aktuellen Schulen gehörig gefühlt. Davon legt sein Oratorium «Kreuzweg» - eine Berliner Erstaufführung - deutlich Zeugnis ab. In 14 Stationen wird bewusst undramatisch der Leidensweg Christi musikalisch nachvollzogen. Dabei bilden die Textgrundlage Bibelworte und Passagen aus spätmittelalterlichen Schriften der Mystiker, verteilt auf einen Sprecher (Manfred Kindel), Sopran- und Bass-Solo, Chor und klein besetztes Orchester. Bericht im Wechsel mit Meditation ergänzen sich zu einem Stück in recht kurz gefasster, lapidarer Form. Es folgt ästhetisch den Stilspuren von Strawinskys «Psalmensymphonie». Es besitzt die schätzenswerte Eigenschaft, tiefernst ohne verbissen zu sein. Spätromantisches wird in sparsame, stets durchsichtige, oft überraschend aparte Orchestrierung gefasst. Kontrapunktisches wirkt nie schwerfällig oder steif, sondern flüssig und geschmeidig. Eine hoch achtbare Passionsmusik, leicht verständlich und unmittelbar berührend. Sie fand in der Philharmonie großen Anklang.

Tagessspiegel, 30.06.1998 von Isabel Herzfeld


Spannungsvoll-Camerata vocale singt im KMS

Schon das Programm garantierte den Erfolg: Zigeuner- und Liebeslieder von Brahms, danach der "Carneval der Tiere" von Camille Saint-Saens, was kann da schon schiefgehen? Bei unzulänglichen Ausführenden alles. Doch Etta Hilsberg und ihre Camerata vocale vollbringen das Kunststück, die bekannten Gesänge ganz frisch klingen zu lassen. Gewiß, die "Zigeunerlieder" können noch mehr Wärme und Sinnlichkeit ausstrahlen. Die Tenöre wirkten zu Beginn noch recht schwach, auch die Klavierbegleitung (Andreas Lisius) hätte kräftigere Akzente setzen können. Dafür durften die Herrren in den "Liebesliedern" schmachten: "Wäre längst ein Mönch geworden, wären nicht die Frauen", heißt es da mit leiser Ironie. Mit transparenter Leichtigkeit ließ man den "kleinen hübschen Vogel" hüpfen, "Sanft die Quelle" die verschlungenen Wege der Liebe nachzeichnen, doch auch temperamentvoll klagen: "Ein dunkler Schacht ist Liebe, da fiel ich hinein" - besonders reizvoll im Wechselgesang. Die Dirigentin gewann dem schwingenden Walzertakt immer neue Differenzierungen ab, weiche Bögen in Piano, ausgewogene Übergänge mit spannungsvollen Ritardandi

Die Hilsberg-Sprößlinge Inga und Esther machten auch bei Saint-Saens als brillantes Klavierduo Furore - umso erstaunlicher angesichts einer Vielseitigkeit, die die eine auch als Dirigentin, die andere als Sängerin hervortreten läßt. Leichtigkeit des Klanges auch beim "Artemis-Ensemble", in dem Julia Poltzien dem "sterbenden Schwan" die Cello-Stimme lieh. Natürlich steigerten die Zwischentexte von Loriot, von Manfred Kindel hintersinnig vorgetragen, noch das Vergnügen. Tosender Beifall.

Tagesspiegel, 13.02.1998 von Sybill Mahlke


Über allem der Frühling
Etta Hilsberg und die Camerata vocale verbinden Mendelssohn mit Orff

Etta Hilsberg ist aus der Berliner Kirchenmusikschule hervorgegangen, und ihre musikalische Fähigkeit hat sich dort geschult, bei Ernst Pepping noch, aber auch bei Martin Behrmann und Helmut Barbe. Seit zwölf Jahren leitet sie die Berliner Camerata vocale, und ein Auftritt in der Philharmonie mit dem vertrauten Radio Symphonie Orchester Pilsen bestätigt, daß sie über einen erstaunlichen dirigentischen Impetus verfügt. Sie wagt die politisch großzügige Konstellation, Felix Mendelssohn Bartholdy mit Carl Orff zu kombinieren.

Über allem aber steht der Frühling: "Die Erste Walpurgisnacht" nach der Ballade von Johann Wolfgang von Goethe und "Carmina burana", Lieder aus der Benediktbeurer Handschrift.
In der Ouvertüre des Mendelssohn-Werkes erweist sich, daß Etta Hilsberg sich auf reine Orchestermusik versteht. Dann aber kommt ihr Chor, der alle Tugenden von Textdeutlichkeit bis zu tadelloser Intonation parat hat. Der wildverschwörerische Chor der Wächter der Druiden, "Kommt! Mit Zacken und mit Gabeln" in dem Werk von Mendelssohn hat bei Etta Hilsberg weniger von der befremdlichen Modernität, die Hans Werner Henze kürzlich in Leipzig konstatiert und Kurt Masur interpretiert hat. Hilsberg ist eine eher harmonisierende Dirigentin, hat die schmiegsame Gestik derer, die Chöre leiten, aber etwas darüber hinaus. Das kommt ihr auch im "Reigen" der "Carmina burana" zugute.

Das Orchester aus Pilsen beweist hohe Qualitäten, zumal seiner Hörner, die Camerata vocale singt ihr weltliches Kirchenlatein mit feiner, fesselnder Präzision. Und unter den Sängern macht der Bariton Stefan Stoll nachhaltig auf sich aufmerksam.

Tagessspiegel, 01.06.1997 von Eckart Schwinger


Ausdruck ambivalent
Ein Chorsinfonisches Konzert unter Etta Hilsberg in der Philharmonie

Zwischen einer Haydn- und einer Mozart-Messe erklang auf stimulierende Weise das Orgelkonzert von Francis Poulenc. Beschert wurde uns diese nicht alltägliche Konstellation in einem chorsinfonischen Konzert mit der Camerata vocale Berlin und dem Ensemble Oriol unter Etta Hilsberg in der Philharmonie. Den stärksten Eindruck brachte in der Tat das hintersinnig ernste wie verschmitzte Orgelkonzert von Poulenc aus dem Jahr 1938, das man hierzulande selten einmal in solch feinnerviger Interpretation gehört haben dürfte.

Da fehlte es weder an dem typischen französischen Fluidum noch an der dramatisch akzentuierten Impulsivität. Inga Hilsberg spielte das Orgelsolo mit delikater Farbigkeit und Bravour. Und unter der Dirigentin Etta Hilsberg, die mit Genauigkeit und Schwungkraft agierte, entfaltete das Ensemble Oriol nicht nur eine sprühende Expressivität, sondern auch einen einschmeichelnden klanglichen Charme, einen spritzigen, chansonartigen Gestus, der nun einmal zu diesem eigenartigen französischen Komponisten dazugehört. Da stehen spielerische Eleganz, das anmutsvolle Melos unmittelbar neben nachdenklich-elegischen Passagen. Der sich später während der faschistischen Okkupation aktiv am Widerstand beteiligende und für die Résistance komponierende Poulenc war eben nicht nur zu geistreichen Klangspäßen, sondern auch zu tiefernsten Meditationen fähig. Ein merklicher Schatten liegt auch schon über dem Orgelkonzert.

Da gibt es Berührungspunkte mit Mozart, dessen unvollendete c-Moll-Messe
(KV 427) im zweiten Konzertteil zur Aufführung gelangte. Über dem gewaltigen Torso liegt der düstere Schatten der Leidensgeschichte, aber auch die Transparenz der Heiterkeit. Gerade diese ambivalente Ausdruckshaltung bei Mozart wie bei Poulenc ließ nicht unberührt. Diese Eindrücke vermittelte bei Mozart nicht zuletzt auch das mit Silvia Weiss, Bettina Spreitz-Rundfeldt, Jan Kobow und Georg Zeppenfeld stilvoll besetzte Solistenensemble.

Während bei der zu Beginn musizierten "Mariazeller Messe" von Joseph Haydn noch etwas die ganz klare Umrißlinie und rhetorische Intensität (die der Camerata vocale insgesamt doch noch mehr zuwachsen müßte) fehlten, erfreute bei dem von Etta Hilsberg zwar nicht allzu leuchtkräftig, aber trotzdem energievoll und großflächig aufgebauten Mozart die schöne musikalische Phrasierung, die weichgeschwungene Kantabilität des Chores. Daß dabei das Ensemble Oriol mit seinem scharfkantigen Klangstil, seiner brillanten Überredungskraft bisweilen den Ton angab, überraschte nicht.